Palmers Münze – Beginn der Tokenisierung in Österreich

Als im Jahr 1949 erstmals die Palmers Münze vorgestellt wurde, war dies ein Novum in Österreich: Ein Unternehmen begibt ein eigenes Zahlungsmittel, das sogar vom Bundesministerium für Finanzen offiziell genehmigt wurde. Das war der Beginn eines Kultproduktes, das bis heute gekauft, verschenkt und gehandelt wird. Was viele nicht wissen: Die Palmers Münze hat mehr mit dem Thema Tokenisierung zu tun, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

Token – Was ist das eigentlich?

Der Begriff „Tokenisierung” besitzt ähnliche Schlagwortqualitäten wie „Bitcoin”, „IoT” oder „SPAC”. Tatsächlich steckt ein relativ einfaches Prinzip dahinter. Ein Token ist die Abbildung eines Rechtsanspruches auf eine Wertsache, ähnlich der Palmers Münze. Während sich der Anspruch aus der Palmers Münze auf ein Bekleidungsportfolio eines Herstellers beschränkt, lassen sich durch Tokenisierung heute vielfältige Investitionsmöglichkeiten gestalten. Ein Security Token steht beispielsweise für einen Rechtsanspruch auf Eigentum auf einen dahinter liegenden Vermögenswert. Dies können Eigenkapitalanteile an einer Kapitalgesellschaft sein oder ein anteiliges Eigentumsrecht an einem Grundstück oder einem Gemälde. Es werden drei Kategorien von Token unterschieden: Beim Utility Token erwirbt ein Investor das Recht auf bestimmte Leistungen wie Prämien oder Vergünstigungen (z.B. Ethereum). Ein Payment Token stellt eine virtuelle Währung dar, welche im Zahlungsprozess verwendet werden kann (private Zahlungsmittel wie Bitcoin, Litecoin, etc.). Der Security Token referenziert direkt auf einen darunterliegenden Vermögenswert und bildet diesen inkl. gewisser Rechte ab (z.B. Eigentumsrecht).

Was aus dem Umfeld junger Startups zur Finanzierung technologieaffiner Ideen entstanden ist, entwickelt sich immer stärker zu einem Mainstream Finanzierungsinstrument. Mit Jahresbeginn 2021 hat der deutsche Immobilienkonzern Vonovia erstmals einen – wenn auch mit 20 Millionen Euro verhältnismäßig kleinen – Security Token emittiert[1]. Was für einige Unternehmen als Test beginnt, kann später zur Normalität werden und die heute gebräuchlichen Finanzierungen vollkommen verändern. Institutionelle Investoren wie US-amerikanische Großbanken haben die Potenziale der Blockchain längst erkannt: Der Vermögensverwalter Fidelity launcht z.B. einen Bitcoin ETF[2], auch die Investmentbank Goldman Sachs entwickelt für ihre Kunden Zugänge zu Investments in digitale Assets[3]. Für Unternehmen bedeutet das Thema Tokenisierung vor allem kulturellen Wandel, neue Öffentlichkeiten, neue regulatorische und technologische Herausforderungen sowie neue Investor Relations Strategien. Aber: Tokenisierung ist kein Wundermittel, mit dem sich alle riskanten Projekte realisieren lassen. Was aus einer analogen Perspektive nicht finanzierbar erscheint, wird auch in digitalen Strukturen kaum umgesetzt werden können.

Welche Vorteile bietet Unternehmensfinanzierung via Tokenisierung?

Der grundlegende Unterschied bei tokenisierten Vermögenswerten im Vergleich zu bestehenden Eigentumsformen ist die Teilbarkeit, die Handelbarkeit und die Transferierbarkeit. Mittels technischer Tokenisierung wird der Erwerb von Teilstücken eines Vermögenswerts ermöglicht (z.B. 1% an einem Gemälde). Die Handelbarkeit der technischen Tokens auf zentralen sowie dezentralen Handelsplätzen (Börsen) ermöglicht es selbst traditionell schwer handelbare Vermögenswerte (z.B. Anteile an einem Gemälde) sehr einfach handelbar zu machen. Die Transferierbarkeit von Token ermöglicht eine vereinfachte Eigentumsübertragung bei niedrigeren Transferkosten. Für Unternehmensfinanzierungen bedeutet dies einerseits die Erschließung neuer Investorengruppen und andererseits die Reduktion von Kosten in der Emission, im Handel sowie in der Abwicklung bei bestehenden Investoren. Tokenisierung wird folglich zu einem wesentlichen Baustein der Unternehmensfinanzierung werden; Banken und Investoren werden die Entwicklung solcher Produkte vorantreiben. Hier liegen große Potenziale für Unternehmen, sofern diese bereit sind, sich an der Weiterentwicklung dieses Marktes aktiv zu beteiligen und die damit verbundenen Chancen erkennen und bereit sind, diese zu nutzen.

Was wir in Österreich brauchen – 5 Forderungen

Damit das Thema in Österreich mehr Relevanz gewinnt, ist die Akzeptanz digitaler Finanzierungsformen seitens Unternehmen, Investoren, Banken und der Gesetzgebung eine Grundvoraussetzung.

Dafür braucht es
(1) gestalterischen Freiraum und eine Rechtsnorm, die eine Marktentwicklung zulässt. Das Risiko eine prophylaktischen Überregulierung – eines im Keim-Erstickens – erscheint uns hierbei als mögliches Hindernis.
(2) den Willen zur Innovation: Die scheinbare technische Komplexität des Themas darf nicht abschrecken, der Wirtschaftsstandort Österreich ist schließlich seit jeher für anspruchsvolle technische Innovationen geschätzt, die seine Unternehmen erfolgreich in die ganze Welt exportieren. Neben der nötigen Proaktivität sollte demgemäß vor allem Technologieneutralität gelebt werden.
(3) Infrastruktur: Der Finanzmarkt war immer ein globaler Markt. Der Standort Österreich sollte also seine Netz- und Dateninfrastruktur weiter ausbauen, um international wettbewerbsfähig zu bleiben.
(4) Corporate Financial Literacy: Unternehmer und Manager sollten die Möglichkeiten digitaler Unternehmensfinanzierung besser kennenlernen und verstehen, wie sie davon profitieren können.
(5) einen gestaltenden Diskurs: Das Beispiel Palmers Münze zeigt, dass sich Initiative lohnt und sogar der oftmals kritisierte Staat durch Anerkennung des Zahlungsmittels als wesentlicher Unterstützer wirken kann.

Als gruppe1031 empfehlen wir allen Unternehmen, aktiv an der „Zukunft der Palmers Münze” mitzuwirken und fordern zu einem aktiven Diskurs zwischen Unternehmen, Investoren, Banken und der Gesetzgebung auf.


gruppe1031-Experten:


Lukas Enzersdorfer-Konrad, Bitpanda GmbH
Markus Fleischer, A1 Digital International GmbH
Georg Haschke, Vizepräsident der gruppe1031, DR.OWL Nutri Health GmbH
Martin Keitel, greenturtle gmbh
Christian Niedermüller, Vorstandsmitglied der gruppe1031, Hamburg Commercial Bank & DAAA - Digital Asset Association Austria
Andreas Pauly, Bolttech Device Protection GmbH


[1] https://www.handelsblatt.com/finanzen/immobilien/security-tokens-wohnungskonzern-vonovia-gibt-erstmals-digitalanleihe-aus/26791632.html?ticket=ST-531931-ov5gwCjm1lpuHQBQiR4Q-ap2

[2] https://www.coindesk.com/fidelity-affiliated-fund-files-for-bitcoin-etf

[3] https://www.cnbc.com/2021/03/31/bitcoin-goldman-is-close-to-offering-bitcoin-to-its-richest-clients.html

 

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